Digital Fatigue
- Kerstin Boll

- 16. Jan.
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 21. Jan.
Mehr Substanz, weniger Frequenz: Wie du digitale Erschöpfung vermeidest und Autorität aufbaust.

TL;DR
Frequenz erzeugt keine Autorität. Im B2B-Geschäft entsteht Glaubwürdigkeit durch Urteilskraft, nicht durch ständiges Publizieren.
Digital Fatigue schwächt die Qualität von Content. Wer im Zustand der Erschöpfung produziert oder zu stark auf KI setzt, riskiert Austauschbarkeit.
Guter Content entsteht in Pausen. Abstand, Reflexion und Fokus sind die Grundlage für Thought Leadership.
Fokus schlägt Reichweite. Weniger Beiträge mit klarer Position schaffen mehr Vertrauen als hohe Taktung ohne Substanz.
Im B2B-Markt sichtbar zu sein, ist für uns Berater:innen längst keine Option mehr, sondern notwendig für eine nachhaltige Positionierung. Doch im Bemühen, die eigene Kompetenz in LinkedIn-Feeds, Newslettern und Podcasts sichtbar zu machen, geraten einige von uns in eine Falle: Sie verwechseln Frequenz mit Autorität.
In einer meiner monatlichen Marktanalysen bin ich auf einen Begriff gestoßen, der mich aufhorchen ließ: Digital Fatigue – die digitale Erschöpfung.
Das Ergebnis dieser Erschöpfung ist zwiespältig: Einige Berater:innen resignieren und verstummen ganz. Andere flüchten sich im Dienst der Sichtbarkeit als Experte in eine riskante Gegenstrategie: Sie delegieren ihre Stimme fast vollständig an die KI, um im „Hamsterrad“ der Veröffentlichungen bestehen zu können. Das Resultat ist ein seelenloses Grundrauschen, das die eigene Positionierung eher verwässert als stärkt.
Der KI-Irrtum: Wenn die Urteilskraft schwindet
Im Zustand der Überreizung geht die Urteilskraft schnell verloren. Ich habe das selbst erlebt: Zum vergangenen Jahreswechsel hatte ich mir vier Wochen Auszeit verordnet. Meinen Content wollte ich vorab mit Unterstützung von KI entwickeln.
Der Plan war so ineffizient wie naiv. Ich verlor mich in unzähligen Korrekturschleifen: Prüfen. Löschen. Neuschreiben. In meiner Erschöpfung und unter dem selbst auferlegten Publikationsdruck hatte meine wichtigste Ressource nachgelassen: meine Urteilskraft.
Zusammen mit der geistigen Frische geht die Sicherheit bei der Einschätzung verloren: Hat ein Gedanke Substanz oder klingt er nach„KI-Standard“? Irgendwann weiß man's einfach nicht mehr.
Für uns Berater:innen liegt darin ein strategisches Risiko. Kunden engagieren uns nicht für Lösungen von der Stange, sondern für unsere Fähigkeit Themen unseres Fachs einzuordnen und zu bewerten.
Unser Content ist eine Arbeitsprobe.
"Im B2B-Geschäft entsteht Glaubwürdigkeit durch Urteilskraft, nicht durch ständiges Publizieren."
Autorität braucht einen klaren Kopf
Guter Content entsteht selten unter Zeitdruck. Er reift beim Spaziergang um den See, im Dialog mit Kollegen oder im Gespräch mit Fachfremden. Wer eine langfristige Content-Strategie im B2B verfolgt, weiß: Qualität benötigt Raum zum Nachdenken.
Orientierung entsteht dort, wo sich jemand Zeit nimmt, eigene Beobachtungen einzuordnen und ein Weltbild für das eigene Fach zu entwickeln.
Orientierung ist zugleich das, was sich Auftraggeber am meisten von uns wünschen. Ohne sie bleibt jede Thought Leadership Strategie wirkungslos – also der Plan, sich durch fundierte Veröffentlichungen als vertrauenswürdige Stimme im Markt zu positionieren. Wir wären dann einfach eine weitere Informationsquelle, austauschbar und wenig hilfreich.
Orientierung und Vertrauen gehen Hand in Hand. David Maister hat es so formuliert: Vertrauen ist die Basis unseres Geschäfts. Vertrauen wächst allerdings nicht durch Lautstärke oder durch die Häufigkeit von Veröffentlichungen, sondern durch die Qualität unserer Gedanken.
Maister betont, dass Zuverlässigkeit ("Reliability") nicht nur bedeutet, oft präsent zu sein, sondern dass die gelieferte Expertise konsistent exzellent sein muss. Er warnt davor, dass Vertrauen sofort schwindet, wenn der Klient das Gefühl hat, nur „Standard-Lösungen“ (oder KI-Standard) zu erhalten.
Fokus statt Frequenz: Die Befreiung
Die Content-Maschine anzuhalten, ist kein Stillstand, sondern eine strategische Entscheidung. Es gilt, den Fokus zu verschieben: weg von der reinen Präsenz um jeden Preis, hin zur strategischen Autorität. Wer aufhört, Grundrauschen zu erzeugen, schafft den Raum, um für Wunschkunden zur einzig logischen Lösung zu werden.
Was du ab heute loslassen kannst:
Den Zwang, auf jedem Kanal mitmischen zu müssen.
Den Glauben, dass Frequenz die Qualität schlägt.
Die Lösung liegt in der Relevanz für deine Kunden. Es ist wertvoller, 50 richtige Menschen mit einer klaren Botschaft zu erreichen, als 500, die dein Posting nur flüchtig quer lesen.
Besser denken statt mehr senden
Du musst nicht mehr senden. Du darfst genauer denken und dir dafür Zeit nehmen – ein entlastendes und zugleich wirkungsvolles Mindset.
Bevor du das nächste Mal auf „Veröffentlichen“ klickst, stell dir eine einfache Frage: Würdest du diesen Beitrag auch dann teilen, wenn er dein einziger für den ganzen Monat wäre?
Dieses Innehalten eine Entscheidung für Qualität. Deine Kunden prüfen dich im Hintergrund sehr genau, bevor sie Kontakt zu dir aufnehmen. Sie sind anspruchsvoll und suchen Substanz.
Warum das so ist und was die „83-Prozent-Hürde“ der Recherche mit der modernen B2B Buyer Journey zu tun hat, schauen wir uns im nächsten Artikel an.
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FAQ – Häufige Fragen zum Thema
Was bedeutet Digital Fatigue im Kontext von Content-Marketing?
Digital Fatigue beschreibt die geistige Erschöpfung durch dauerhafte digitale Präsenz und ständigen Publikationsdruck. Sie führt dazu, dass Inhalte an Tiefe und Einordnung verlieren.
Warum ist zu viel KI im Content-Prozess problematisch?
KI kann unterstützen, ersetzt aber keine Urteilskraft. Wenn Berater:innen ihre Stimme vollständig delegieren, entsteht standardisierter Content ohne klare Position.
Wie entsteht eine Thought Leadership-Positionierung im B2B-Geschäft tatsächlich?
Thought Leadership entsteht auf der Grundlage von Einordnung, Perspektive und klarer Positionierung, nicht durch hohe Veröffentlichungsfrequenz.
Ist weniger Content wirklich besser für die Sichtbarkeit?
Ja, wenn er relevanter ist. Weniger, aber klar positionierter Content schafft mehr Vertrauen bei den richtigen Zielkunden als hohe Reichweite ohne Substanz.
Wie finde ich die richtige Balance zwischen Präsenz und Pause?
Indem du Fokus vor Frequenz stellst. Pausen sind kein Rückzug, sondern ein strategischer Teil guter Content-Arbeit.




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