Substanz in Häppchen
- Kerstin Boll

- 19. Jan.
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 21. Jan.
Die LinkedIn-Falle: Warum „Erklärbären“ keine Kunden gewinnen.

TL;DR
LinkedIn ist kein Seminarraum: Wer auf der Plattform doziert statt positioniert, verliert gegen die flüchtige Aufmerksamkeit. LinkedIn dient dem ersten Impuls, nicht dem Fachvortrag.
Urteilskraft schlägt Anleitung: In Zeiten von KI-generierten Tutorials gewinnst du Kunden nicht mehr durch das „Wie“, sondern durch das „Warum“. Gefragt ist deine Einordnung, kein Handbuch.
Kanäle strategisch trennen: Erfolgreiches Content Marketing nutzt die Rollenverteilung. LinkedIn weckt das Interesse („Der Stehtisch“), während Blog, Buch oder Podcast die nötige Tiefe für echtes Vertrauen schaffen.
Systematische Reduktion: Wer aus einem großen Gedanken gezielt kleine, funktionale Impulse ableitet, entkommt dem Hamsterrad. Diese „Häppchen“ belegen deine Denkschärfe und führen Leser konsequent zu deiner vollen Expertise.
Stell dir vor, du bist auf einer wuseligen Networking-Party. Überall Menschen, es ist laut, die Aufmerksamkeit ist flüchtig. Das ist LinkedIn. Für einen einstündigen Fachvortrag ist hier niemand bereit.
Wer versucht, seine gesamte Methode bis ins kleinste Detail auszubreiten, erntet meist nur ein höfliches Gähnen. Was sagst du in den ersten zwei Minuten am Stehtisch, um im Gedächtnis zu bleiben? Mit welcher Story, welcher These oder welcher Beobachtung gewinnst du die Aufmerksamkeit deines Gegenübers?
Information vs. Autorität
Wir müssen die Rollen unserer Kanäle klären, um uns nicht zu verzetteln. Das ist das Fundament für erfolgreiches Content Marketing. Etwa so:
LinkedIn (Der Stehtisch): Hier geht es um den ersten Funken und die Frage: „Lohnt es sich, dieser Person zuzuhören?“
Der Blog oder das Buch (Das tiefe Gespräch): Hier ist der Raum, um deine Methode und dein geschäftliches Weltbild in voller Tiefe auszubreiten.
Ein strategischer Fehler ist es, den Tiefgang eines Fachartikels in die Enge eines Posts pressen zu wollen. Ich habe mir dabei selbst oft genug blaue Flecken geholt. Das Ergebnis ist meist viel Arbeit für wenig Resonanz: zu kurz für echte Substanz, zu langatmig für einen schnellen Impuls.
Vertrauen braucht keine Bedienungsanleitung
Aufmerksamkeit zu gewinnen, ist kein Hexenwerk. Man kann die „Hooks“ erfolgreicher Influencer kopieren oder zu strittigen Themen lautstark „einen raushauen“. Aber gewinnst du so das Vertrauen für einen hochpreisigen Auftrag?
Vertrauen aufzubauen, ist heute wichtiger und zugleich schwieriger denn je. Das Edelman Trust Barometer zeigt: Während das Vertrauen in Institutionen sinkt, steigt die Erwartung an Experten als „Stabilitätsanker“ massiv. Menschen suchen Orientierung. Doch wer nur „erklärt“, geht im Rauschen der KI-generierten Inhalte unter.
Einfache Anleitungen liefert die KI heute auf Knopfdruck. Du gewinnst Kunden nicht mehr, weil du ihnen sagst, wie sie etwas tun sollen. Du gewinnst sie, weil du beweist, dass du ihre Situation besser verstehst als sie selbst.
„Vertrauen braucht keine Bedienungsanleitung – es braucht den Beweis, dass dein System funktioniert.“
Blick in meine Werkstatt: Komplexität reduzieren
Um bei der Content-Produktion nicht im Hamsterrad zu landen, nutze ich eine einfache Mechanik. Mein „Anker“ ist ein monatlicher, ausführlicher Blog-Artikel, in dem ich tief in ein Thema einsteige. Dabei folge ich einem Muster von Fragen, die mir helfen, den Stoff zu strukturieren. Das ist mein Weg, um aus einem großen Gedanken viele kleine Impulse zu gewinnen:
Die Geschichte: Was habe ich dazu in der Praxis erlebt?
Die Position: Wie stehe ich persönlich zu diesem Thema?
Der Widerspruch: Welche gängige Meinung sehe ich komplett anders?
Der Ausblick: Was erwarte ich hier für die nahe Zukunft?
Das Kunden-Echo: Was brennt meinen Klienten bei diesem Thema unter den Nägeln?
Abhängig vom Schwerpunkt füge ich weitere Fragen hinzu.
Aus jedem dieser Aspekte lässt sich später ein aussagekräftiger LinkedIn-Post ableiten. So entstehen wertvolle Häppchen durch gezielte Reduktion, von denen jedes eine klare Funktion hat: Eine provokative Meinung stärkt deine Autorität, ein Praxisbeleg dient als Beweis und ein kurzer Impuls hilft im Alltag.
Aus der Summe dieser einzelnen Beiträge entwickeln deine Follower mit der Zeit ein vollständiges Bild von dir. Ganz ohne den Zwang, jedes Mal das „große Ganze“ erklären zu müssen.
Konsequenz: Mut zur Lücke
Es ist Zeit, mit dem Dozieren aufzuhören. Fang an, Position zu beziehen. Wer nur „Bescheid weiß“, wird austauschbar – denn das kann die KI inzwischen ziemlich gut und sie wird besser. Wer jedoch eine klare Urteilskraft besitzt, wird zur Kapazität.
Studien belegen: Etwa 64 % der unangekündigten Mitentscheider – die sogenannten „Hidden Buyers“ – prüfen dich digital, bevor du überhaupt von ihnen hörst. Diese Menschen suchen keine Tutorials. Sie suchen Beweise für deine Kompetenz und dein Verständnis für ihre Aufgabe. Während LinkedIn dich bekannt macht und dein Blog Vertrauen schafft, ist es erst dein Urteil, das dich zum geschätzten Partner macht.
Wenn du aufhörst, alles erklären zu wollen, passiert etwas Magisches: Du wirst interessant.
Ich kenne das von mir. Ein Kunde schrieb mir zum Beispiel nach einem Newsletter: „Du holst mich total ab.“ Es kam zum Auftrag – für ein ganz anderes Thema. Warum? Weil er Vertrauen in meine Urteilskraft gewonnen hatte.
Frage dich: Erkennt dein Wunschkunde in deinem letzten Post deine Sichtweise – oder nur dein Fachwissen?
Vertrauen skaliert nicht durch Wissen, sondern durch Beständigkeit und Kante. Zeig auf LinkedIn, wie du die Welt siehst. Die Details klärt ihr dann im persönlichen Gespräch. Ganz entspannt, bei einem guten Kaffee.
Doch was passiert, wenn du diese Häppchen servierst und erst einmal ... nichts passiert? Wenn die große Resonanz ausbleibt, werfen viele Experten das Handtuch – kurz bevor der Erfolg sichtbar wird.
Weshalb Likes eine fragwürdige Erfolgsgröße sind und welche Indikatoren aussagekräftiger sind, erfährst du im nächsten Teil dieser Serie.
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FAQ – Häufige Fragen zum Content Marketing
Warum funktioniert erklärender Content auf LinkedIn schlecht?
Weil die Plattform wie eine Networking-Party funktioniert. Die Aufmerksamkeit ist flüchtig und die Nutzer suchen Impulse, keine Vorlesungen. Detailtiefe überfordert in diesem Kontext und geht im schnellen Feed unter.
Heißt das, ich soll mein Wissen zurückhalten?
Im Gegenteil. Aber du solltest es strategisch verteilen. Komplexe Zusammenhänge gehören in Formate mit Tiefgang (Blog, Podcast, Buch). Auf LinkedIn geht es darum, deine Denkschärfe und Urteilskraft sichtbar zu machen, nicht dein Handbuch.
Welche Rolle spielt LinkedIn im Content-System?
LinkedIn ist der digitale Stehtisch. Es ist der Einstiegspunkt, um den ersten Funken zu zünden, Vertrauen in deine Sichtweise aufzubauen und neugierig auf deine tiefgreifende Expertise zu machen.
Was überzeugt Kunden heute mehr als Anleitungen?
Deine Einordnung. Einfache „How-to“-Antworten liefert heute die KI. Kunden suchen heute nach Orientierung, Haltung und dem Beweis: „Diese Person versteht meine individuelle Herausforderung besser als ich selbst.“
Wie vermeide ich das tägliche Content-Hamsterrad?
Indem du vom Großen zum Kleinen arbeitest. Ein fundierter Anker-Artikel liefert den Rohstoff für einen ganzen Monat. Durch gezielte Reduktion entstehen daraus verschiedene Impulse, die jeweils eine eigene Funktion erfüllen (Meinung, Beweis, Impuls).

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